Kirche im zweiten Leben (2) - Ein Tag im christlichen Second Life

(Erlebnisse eines Christen in SL - mein Teil des Beitrags für die aktuelle idea-Ausgabe.)
Es ist 11 Uhr Second Life-Zeit, 19 Uhr in Mitteleuropa, als ich die us-amerikanische Jesus-House-Gemeinde betrete. Das schlichte Kirchengebäude, verziert mit dem leuchtenden Schriftzug „Christ is born“ (Christus ist geboren), steht inmitten einer öden künstlichen Landschaft. Ich bin nicht alleine. Etwa ein Dutzend weitere Avatare steht im Gottesdienstsaal, der mit einem großen Kreuz geschmückt ist, und wartet auf den Pastor. Sie begrüßen einander und „chatten“ (plaudern). Weil ich neu bin und niemanden kenne, halte ich mich dezent im Hintergrund, gehe auf die Empore und beobachtete was passiert. Mit einigen Minuten Verspätung trifft der Pastor ein, entschuldigt sich für die Verspätung, geht zu seinem Rednerpult und informiert alle darüber, dass sie jetzt per Mausklick den Ton des Gottesdienstes zuschalten können. Wir hören Lobpreismusik, Gebet und eine Predigt, die sich mit den Psalmen 147 und 148 beschäftigt.
Von der Empore schaue ich hinab zu den anderen. Sie stehen oder sitzen, heben ihre Arme oder verharren in Gebetshaltung auf den Knien. Ich habe vorher auch ein Paket von Anbetungs-Gesten aufgenommen, das mein Avatar nun verwenden kann. Da gibt es die erhobenen Arme, die empfangende Haltung mit den nach oben gerichteten Handflächen vor dem Körper oder die klassische Gebetshaltung mit gefalteten Händen und auf den Knien. Darüber hinaus könnte mein Avatar auch tanzen, aber das lasse ich lieber. Stattdessen hebe ich während des Lobpreises die Arme und genieße die Zeit mit Gott, bis der Pastor mit einem Gebet die Predigt einleitet.
Nach dem Gottesdienst lerne ich Frederik kennen, der im richtigen Leben Engländer ist und einer charismatischen Gemeinschaft angehört. Ich erfahre, dass er im Gebetsteam seiner realen Gemeinde ist, die die virtuelle Welt als Missionsfeld entdeckt hat. „Wir beten für die Gemeinde und für einen Aufbruch in Second Life. Dass die Menschen durch den Dienst der Christen in Second Life zum Glauben an Jesus kommen“, sagt er.
Die Sonne geht unter. Ich besuche die ALM-Cyberchurch, eine weitere evangelikale Gemeinde, die auf einer Insel mit dem schönen Namen „Truth“ (Wahrheit) liegt. Von der großen Veranda hinter dem Gottesdienstsaal hat man einen für virtuelle Verhältnisse großartigen Blick auf das die Kirche umgebende Meer. Hier treffe ich Missy. Sie sitzt auf einem Sofa und schaut der virtuellen Sonne zu, wie sie rot glühend am Horizont versinkt. Ich setze mich zu ihr und stelle nach ein wenig Geplauder fest, dass sie auch Deutsche ist. Im echten Leben heißt sie Kathrin, ist Anfang 20 und kommt aus Hamburg.
Ich erfahre, dass auch sie Christin ist und oft hierher kommt, ins Second Life, weil sie hier jemanden kennen gelernt hat. „Er ist toll, ein Niederländer.“ Sie wartet auf ihn. Jede Minute müsste er ins Second Life eintreten. „Wir werden bald heiraten“, gesteht sie schließlich. Ich frage nach, ob sie in den Niederlanden oder in Deutschland heiraten. Sie ist belustigt, denn ich habe es nicht richtig verstanden. „Doch nicht im richtigen Leben, sondern hier in Second Life. Wir kennen uns seit drei Wochen und haben auch schon ein eigenes Haus gekauft.“ Natürlich bin ich zuerst erstaunt, aber es kommt inzwischen offensichtlich immer häufiger vor, dass in Second Life geheiratet wird. Und seitdem gibt es auch heftige Debatten darüber, inwiefern eine solche Ehe Gültigkeit hat. Besonders dann, wenn man im ersten Leben bereits verheiratet ist. Fällt das dann unter Polygamie? Missy ist im echten Leben nicht verheiratet und hat auch keinen Freund. Sie weiß nur, dass sie den Niederländer bzw. seinen Avatar sehr mag und sich mit ihm gut versteht. Sie verspricht, mich zu ihrer virtuellen Hochzeit einzuladen, wenn es soweit ist. Dann geht sie fröhlich, der Niederländer ist da.
In einer spontan entstehenden Diskussionsrunde mit drei anderen Avataren in der Nähe der Kirche erfahre ich, dass das Thema in dieser anderen Welt unter Christen für Zündstoff sorgt. Denn welche Gültigkeit hat ein Eheversprechen in Second Life vor Gott? „Es ist genauso gültig wie im echten Leben“, sagt ein Amerikaner, dessen Avatar einem kuscheligen Teddybären gleicht. Ein anderer fügt hinzu: „Wenn man im echten Leben nicht verheiratet ist, sehe ich da kein Problem. Dann kann man in Second Life heiraten, unter der Bedingung aber, dass man im echten Leben entweder unverheiratet bleibt oder denselben Partner hat.“ Das alles überfordert selbst mich ein wenig.
Ich wandere durch eine kahle Eislandschaft. Nur ein Avatar ist in der Nähe. JayMaze. Er ist Belgier und erzählt mir in gebrochenem Englisch von seinem Projekt. „Ich habe das ganze Land hier gekauft.“ Ich frage ihn, was er denn damit machen möchte. „Mein Sohn ist vor vier Jahren bei einem Autounfall gestorben, und ich möchte ihm hier ein Denkmal bauen. Eine kleine mittelalterliche Stadt.“ Er hat keine Ahnung, wie man in dieser Welt überhaupt ein Haus baut. „Aber“, sagt er, „ich werde es herausfinden. Ich habe das Gefühl, dass ich das einfach tun muss.“
Nach dem Gottesdienst lerne ich Frederik kennen, der im richtigen Leben Engländer ist und einer charismatischen Gemeinschaft angehört. Ich erfahre, dass er im Gebetsteam seiner realen Gemeinde ist, die die virtuelle Welt als Missionsfeld entdeckt hat. „Wir beten für die Gemeinde und für einen Aufbruch in Second Life. Dass die Menschen durch den Dienst der Christen in Second Life zum Glauben an Jesus kommen“, sagt er.
Die Sonne geht unter. Ich besuche die ALM-Cyberchurch, eine weitere evangelikale Gemeinde, die auf einer Insel mit dem schönen Namen „Truth“ (Wahrheit) liegt. Von der großen Veranda hinter dem Gottesdienstsaal hat man einen für virtuelle Verhältnisse großartigen Blick auf das die Kirche umgebende Meer. Hier treffe ich Missy. Sie sitzt auf einem Sofa und schaut der virtuellen Sonne zu, wie sie rot glühend am Horizont versinkt. Ich setze mich zu ihr und stelle nach ein wenig Geplauder fest, dass sie auch Deutsche ist. Im echten Leben heißt sie Kathrin, ist Anfang 20 und kommt aus Hamburg.
Ich erfahre, dass auch sie Christin ist und oft hierher kommt, ins Second Life, weil sie hier jemanden kennen gelernt hat. „Er ist toll, ein Niederländer.“ Sie wartet auf ihn. Jede Minute müsste er ins Second Life eintreten. „Wir werden bald heiraten“, gesteht sie schließlich. Ich frage nach, ob sie in den Niederlanden oder in Deutschland heiraten. Sie ist belustigt, denn ich habe es nicht richtig verstanden. „Doch nicht im richtigen Leben, sondern hier in Second Life. Wir kennen uns seit drei Wochen und haben auch schon ein eigenes Haus gekauft.“ Natürlich bin ich zuerst erstaunt, aber es kommt inzwischen offensichtlich immer häufiger vor, dass in Second Life geheiratet wird. Und seitdem gibt es auch heftige Debatten darüber, inwiefern eine solche Ehe Gültigkeit hat. Besonders dann, wenn man im ersten Leben bereits verheiratet ist. Fällt das dann unter Polygamie? Missy ist im echten Leben nicht verheiratet und hat auch keinen Freund. Sie weiß nur, dass sie den Niederländer bzw. seinen Avatar sehr mag und sich mit ihm gut versteht. Sie verspricht, mich zu ihrer virtuellen Hochzeit einzuladen, wenn es soweit ist. Dann geht sie fröhlich, der Niederländer ist da.
In einer spontan entstehenden Diskussionsrunde mit drei anderen Avataren in der Nähe der Kirche erfahre ich, dass das Thema in dieser anderen Welt unter Christen für Zündstoff sorgt. Denn welche Gültigkeit hat ein Eheversprechen in Second Life vor Gott? „Es ist genauso gültig wie im echten Leben“, sagt ein Amerikaner, dessen Avatar einem kuscheligen Teddybären gleicht. Ein anderer fügt hinzu: „Wenn man im echten Leben nicht verheiratet ist, sehe ich da kein Problem. Dann kann man in Second Life heiraten, unter der Bedingung aber, dass man im echten Leben entweder unverheiratet bleibt oder denselben Partner hat.“ Das alles überfordert selbst mich ein wenig.
Ich wandere durch eine kahle Eislandschaft. Nur ein Avatar ist in der Nähe. JayMaze. Er ist Belgier und erzählt mir in gebrochenem Englisch von seinem Projekt. „Ich habe das ganze Land hier gekauft.“ Ich frage ihn, was er denn damit machen möchte. „Mein Sohn ist vor vier Jahren bei einem Autounfall gestorben, und ich möchte ihm hier ein Denkmal bauen. Eine kleine mittelalterliche Stadt.“ Er hat keine Ahnung, wie man in dieser Welt überhaupt ein Haus baut. „Aber“, sagt er, „ich werde es herausfinden. Ich habe das Gefühl, dass ich das einfach tun muss.“
Posted by francis
in Notizen, Notizen -
Comments (3)
View as PDF: This entry | This month | Full blog
View as PDF: This entry | This month | Full blog
Monday, April 16. 2007 at 16:00 (Link) (Reply)
Einen Rückzug in virtuelle Welten halte ich für sehr fragwürdig. Ich habe mal lange Zeit in so einem Onlinespiel fest gehangen. Diese Onlinewelten schaffen Verbindlichkeiten, aus denen man sich nicht so leicht verabschieden kann. Selbst eine Onlinekirche ändert nichts an der Tatsache, dass man sich von Gott und seinen Nächsten entfernt und man wird von diesem Medium abhängig.
Tuesday, April 17. 2007 at 09:26 (Link) (Reply)
ich würde jetzt mal auf WoW tippen, oder?
das mit den Verbindlichkeiten sehe ich sehr ähnlich. allerdings glaube ich nicht, dass gleich jeder davon abhängig wird. dazu habe ich zu viele dort kennengelernt, die nur hin und wieder online gehen, um ein bisschen zu chatten, bzw. auch gar nicht mehr, weil sie es völlig uninteressant finden.
und jeder fernseher entfernt meiner ansicht nach mehr von Gott und dem nächsten als SL (aber das ist sicher eine sache, die bei jedem anders ist).
Sunday, October 14. 2007 at 17:55 (Link) (Reply)